Anamnese

 

Der Begriff

Die systematische und heilkundliche Erhebung der Vorgeschichte und des Krankheitsverlaufs eines Klienten wird Anamnese genannt. Oft wird sie einer Behandlungsfolge vorangestellt und besteht aus der Therapieform entsprechenden Bausteinen. Ziel der Anamnese ist die Diagnosefindung und Erstellung eines geeigneten Therapieplans.

 

Der Begriff Anamnese[1] ist doppelt belegt; er beziehst sich sowohl auf das reine Gespräch als auch auf die Gesamtuntersuchung.

 

5 klassische anamnestische Untersuchungen

Inspektion

Betrachtung des Klienten

Palpation

Abtasten und Befühlen von Körperpartien

Perkussion

Abklopfen von Körperregionen

Auskultation

Abhorchen von Körperregionen

oft mit dem Stethoskop

Anamnese

Aufnahmegespräch

Erhebungsgespräch

 

Die Anamnese verschafft einen umfassenden Überblick über die Situation und die Beschwerden des Klienten, Sie empfiehlt sich zu Beginn einer Behandlung sowie nach Pausen oder veränderten Umständen.

 

Empfehlenswert ist ein strukturiertes Untersuchungsschema für die Erstkonsultation. Dadurch lassen sich wichtige Informationen gezielt erfassen, ohne dass wesentliche Aspekte übersehen werden oder der Untersucher durch die Erzählungen des Patienten von relevanten Details abgelenkt wird.

 

Routine und Erfahrung werden im Laufe des Berufslebens die Eingangsanamnese kürzer werden lassen. Dennoch sollte niemals versucht werden, fehlendes Wissen durch vorgetäuschte Routine zu überspielen. Jeder Klient achtet eine gründliche Anamnese als Wertschätzung seines urpersönlichen Anliegens. Er wird daher nicht zur Eile drängen.

 

Der Patient, dessen Bezeichnung sich vom lateinischen patiens, der Geduldige, ableitet, sucht in der Regel aufgrund seiner Leiden[2] medizinische Hilfe auf. Er schildert im Rahmen der Anamnese seine Beschwerden in der Hoffnung auf Heilung und im besen Fall auf vollständige Wiederherstellung (Restitutio ad integrum).

 

Als Klient wird eine Person bezeichnet, die eine professionelle Beratung oder Behandlung in Anspruch nimmt und im Dialog mit dem Behandler aktiv am Genesungsprozess beteiligt werden möchte. Dabei wird meist großer Wert auf die persönlichen Anliegen und Lebensumstände des Klienten gelegt.

 

Zusammenarbeit mit dem Klienten

Technische und insbesondere elektronische Hilfsmittel werden in der Naturheilkunde in zunehmenden Umfang eingesetzt. Hierzu gehören, neben medizinischen Equipments, auch Monitore. Damit können Zusammenhänge mit Abbildungen und Kurzfilmen anschaulich erläutert werden.

 

Fühlt sich der Klient gut über sein Beschwerdebild beraten, gelingt es ihm leichter, aktiv an seiner Heilung mitzuwirken. Daher lohnt es sich, genügend Zeit für das Erstgespräch und die zur Verfügung stehenden Untersuchungsmöglichkeiten einzuplanen.

 

Anamnese und Therapieplan

Inspektion - Betrachtung

Beim Erstkontakt werden durch die Inspektion wichtige Hinweise auf mögliche Erkrankungen gewonnen. Das Geschlecht, Alter, der Beruf und die Herkunft werden ermittelt. Äußere Erscheinungen wie braungebrannte Haut könnten auf Urlaub oder einen Beruf im Freien hindeuten. Nach Fernreisen stets an die Reiseanamnese denken.

 

Schonhaltungen, Einschränkungen und Verbände werden wahrgenommen. Auch Gesichtsausdruck und Bewusstseinszustand fallen auf und erlauben Rückschlüsse.

 

Eine genauere Betrachtung von Bewegungseinschränkungen und eventuelle Gelenkdeformationen können konkrete Rückschlüsse auf bestehende Krankheiten zulassen; gleiches gilt für die Haut. Ebenso zählen Merkmale wie Mundgeruch, Körpergeruch, Zittern und Schweißbildung zur Inspektion.

 

Palpation – Abtasten

Der erste körperliche Kontakt ist der Händedruck zur Begrüßung. Er gibt Aufschluss über Kraft, Temperatur, Gewebebeschaffenheit und Temperament des Patienten.

 

Alsbald könnte eine körperliche Untersuchung folgen, bei der die Tastsinne des Untersuchers eingesetzt werden. Hautzustand, Gewebe, Schwellungen lassen sich ebenso palpieren wie Organlagen im Bauchraum, der Zustand von Weichteilen wie Muskeln, Fettgewebe und Mammae. Durch feines Betasten lassen sich Dehydration, Temperatur, Lungen und Blutgefäße ermitteln. Das Zählen des Pulses oder eine TCM-Pulsdiagnose[3] könnten mit aufgenommen werden.

 

Perkussion – Abklopfen

Durch Beklopfen eines Gefäßes lässt sich sein Füllungszustand ermitteln. Dieses physikalische Prinzip wird bei der Perkussion genutzt. So lassen sich durch das Abklopfen die Lungen, Verdauungsorgane und die Lebergrenze leicht erkennen.

 

Ziel ist es, Organgrenzen zu bestimmen und festzustellen, ob ein Organ mit Luft oder mit festem Inhalt gefüllt ist. Als Plessimeter dient der Mittelfinger der einen Hand, während als Hammer der Mittelfinger der anderen Hand verwendet wird. Alternativ kommen Holzspatel und Untersuchungshämmerchen zum Einsatz.

 

Auskultation – Abhören

Vor 200 Jahren wurde die direkte Behorchung mit dem Ohr durch ein Hörrohr ersetzt, welches der französische Arzt René Laënnec im Jahr 1816 entwickelte.

 

Aus dem ursprünglichen Holzrohr wurde später das moderne Stethoskop entwickelt, das heute eine differenzierte Auskultation von Herz-, Lungen-, Darm- und Gefäßgeräuschen ermöglicht. Auskultation erfordert Erfahrung, die durch regelmäßiges Üben erworben wird. Insbesondere rechts-links-Vergleiche, insbesondere an den Lungen, lassen sich auffällige Abweichungen leicht erkennen.

 

Anamnese-Gespräch je nach Therapieform

Jede Therapie beinhaltet eigene Untersuchungsschwerpunkte, so dass die Anamnese von den hier genannten Beschreibungen stark abweichen kann. Ein Homöopath wird anders fragen als ein Endokrinologe, ein Zahnarzt oder ein Polarity-Therapeut.

 

Mündliche Anamnese und Tipps für den Ablauf

Gesprächseinleitung

 

Eingangsfragen vorbereiten wie …

Was führt Sie zu mir?

Was kann ich für Sie tun?

Wie kann ich Ihnen helfen?

 

Akute Beschwerden

Grund für das Kommen ermitteln

 

Vorerkrankungen

Zusammenhang mit den jetzigen Beschwerden

 

Längere Historie

Familienanamnese

typische wiederkehrende Krankheiten

Familien-Anamnese

Lebensbedingungen

 

Berufliche oder private Risikofaktoren

 

Schwerstarbeit, Sport, Expositionen

Arbeitsplatz- & Wohnumfeld-Anamnese

 

Auslandsreisen

 

Tropenanamnese, Unfall am Urlaubsort

Infektionskrankheiten

 

Kinderkrankheiten

Viren, Bakterien, Parasiten, Impfungen

 

Notizen während der Anamnese sind wichtig, egal ob handschriftlich oder am Computer. Notizen helfen der Erinnerung aufzufrischen sowie Zusammenhänge besser zu erkennen. Aufzeichnungen ermöglichen es, beim nächsten Gespräch weiterführende Fragen zu stellen. So kann der Verlauf einer Erkrankung besser nachvollzogen und die Therapie optimiert werden.

 

Auch scheinbare Nebensächlichkeiten sollten notiert werden. Das Befinden des geliebten Haustieres, Klagen über den Arbeitsplatz und generelle Sorgen gehören ebenfalls in den schriftlichen Befund.

 

Umfang, Kosten und Zusammenarbeit

Den Abschluss der Anamnese kann die Erläuterung des Therapieplans bilden, um mit dem Klienten Umfang, Kosten und die Art der Zusammenarbeit zu erörtern.

 

Naturheilkunde

Die Naturheilkunde hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Transformation erlebt. Moderne digitale Technologien und innovative Software haben sie in vielen Bereichen in eine hochentwickelte und komplexe Medizin verwandelt, die individualisierte Behandlungskonzepte ermöglicht und neue Perspektiven für die Gesundheit eröffnet.

 

Gleichzeitig gibt es Therapeuten, die sich bewusst an den traditionellen Methoden orientieren und sich auf heilkundliche Schriften und Erfahrungen vorgegangener Generationen berufen, in dem Wissen, dass sich das Wesen des Menschen im Kern über die Jahrhunderte nicht verändert hat.

Trotz unterschiedlicher Ansätze eint alle naturheilkundlichen Therapeuten das Bestreben, den Menschen als einzigartiges Ganzes wahrzunehmen. Nicht nur als Symptomträger, sondern als Individuum mit Körper, Geist und Seele.

 

Viele Patienten empfinden den Besuch bei einem Naturheilkundler als wohltuend und wertschätzend; sie erleben, dass ihre Geschichten und Bedürfnisse ernstgenommen werden und fühlen sich auf dem1 Weg zu mehr Gesundheit und Lebensfreude gut begleitet.

 

 

Technische Untersuchungsverfahren

 

Auswahl häufig angewandter Untersuchungsverfahren

EKG

Elektrokardiogramm

 

Erfassung der elektrischen Herzaktivität über Elektroden

EEG

Elektroenzephalographie

 

Erfassung der elektrischen Gehirnaktivität über Elektroden

Röntgen

 

Abbildung innerer Strukturen mit Röntgenstrahlen;

vor allem für Knochen geeignet

 

CT

Computertomographie

 

Computergestützte Röntgentechnik mit Schnittbildern;

zeigt Weichteilstrukturen und Gefäße präziser als konventionelles Röntgen

 

PET / PET-CT

Positronen-Emissions-Tomographie

 

Nuklearmedizinisches Verfahren zur Darstellung stoffwechselaktiver Prozesse;

kombiniert mit CT für klarere Bilder

 

MRT

Magnetresonanz-
tomographie

 

Schnittbildverfahren ohne Röntgenstrahlen;

nutzt Magnetfelder und Radiowellen zur Darstellung von Geweben

 

Angiographie

 

Röntgenaufnahme von Gefäßen nach Kontrastmittelgabe

 

Szintigraphie

 

Darstellung von Organen durch Anreicherung radioaktiver Substanzen = Radiopharmaka

 

Thermographie

 

Erfassung der Körperwärmeabstrahlung;

stark durchblutete Bereiche werden mit warmen Farben hervorgehoben

 

Ultraschall

Sonographie

 

Bildgebung mit Schallwellen zur Untersuchung weicher Gewebe; erzeugt lebendige Echtzeitbilder

 

Osteodensitometrie Knochendichtemessung

Ultraschallmessung der Knochendichte

zur Beurteilung der Knochenstabilität

 

Laboruntersuchungen

 

Analysen von Blut, Urin, Stuhl, Atem, Gewebe;

Grundlage vieler klinischer Diagnosen

 

 

 

 

Naturheilkundliche Untersuchungsverfahren

und Therapien

 

Naturheilkundliche Therapieverfahren kennen ihre eigenen Untersuchungsmethoden, welche die oben beschriebene allgemeine Anamnese sowie schulmedizinischen Untersuchungsverfahren nicht ausschließt. Typisch für die Naturheilkunde ist, dass sie stets den ganzen Menschen anspricht und ihn als Ganzes zu betrachten versucht.

 

Weiterhin wird die Naturheilkunde mit dem Anspruch durchgeführt, ohne Nebenwirkungen im pharmakologischen Sinne zu therapieren und dem allgemeinen Wunsch nach sanfter Medizin zu erfüllen.

 

Auswahl häufig angewandter Naturheilverfahren

Yoga-Therapie

Übungssystem aus Körperhaltungen, Atemtechniken und Meditation zur Förderung von Beweglichkeit, Kraft und innerer Balance.

 

Polarity-Therapie

Körper- und Energiearbeit nach Dr. Randolph Stone, mittels derer durch Berührungen, gesunder Ernährung, Polarity-Yoga und Achtsamkeit Blockaden aufgelöst und der Energiefluss harmonisiert wird.

 

Craniosacral-Therapie

Sanfte manuelle Behandlung der Schädel-, Nacken- und Kreuzbeinregion, um das rhythmische Pulsieren der Gehirnflüssigkeit zu regulieren und die Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

 

Akupunktur

 

TCM

Akupunkturnadeln werden an Akupunkturpunkten zur Harmonisierung der Lebensenergie gesetzt.

Akupressur

 

Shiatsu

Druckmassage von Körperarealen.

 

Daumendruckmassage auf
Meridianen und Akupunkturpunkten.

Anthroposophische Medizin

 

Geistig-spirituelle Ansätze und ausgewählte Heilmittel zur Harmonisierung der Lebensenergie.

 

Verwendung von homöopathischen Arzneimitteln.

Homöopathie

Therapie mit potenzierten Substanzen nach dem Ähnlichkeitsprinzip.

 

à siehe unten

Aromatherapie

Einsatz ätherischer Wässer und Öle zur Linderung und Heilung von Beschwerden mit der Kraft der Natur.

Bachblütentherapie

Verwendung von Blüten-Essenzen gemäß den Lehren des englischen Arztes Dr. Bach zur Harmonisierung negativer seelischer Zustände.

Bioresonanztherapie

Anwendung bio-elektromagnetischer Schwingungen zur Stärkung der körpereigenen Heilkräfte.

Fasten, Heilfasten

 

Buchinger-Fasten

 

Basenfasten

Bewusster Verzicht auf feste Nahrung oder Teile der Nahrung zur Reinigung und Regeneration von Körper, Geist und Seele.

Kneipp-Therapie

Wasseranwendungen wie Güsse, Bäder und Wickel.

 

Pflanzenheilkunde, Ernährung, Bewegung an frischer Luft.

Klassische Massagen

 

Manuelle Therapien

Massagetechniken zur Muskelentspannung, Durchblutungsförderung und Schmerzlinderung.

Phytotherapie

 

Pflanzenheilkunde

Anwendung von Heilpflanzen zur Harmonisierung von körperlichen und seelischen Beschwerden.

   

Klassische Homöopathie

Begründer der Homöopathie war der deutsche Arzt Samuel Hahnemann (1755–1843). Ausgangspunkt war ein Selbstversuch mit Chinarinde im Jahr 1790, bei dem Hahnemann malariaähnliche Symptome bei sich feststellte. Diese und viele weitere Erfahrungen inspirierten ihn dazu, ein völlig neues Behandlungskonzept zu entwickeln. 1810 beschrieb er erstmals die Homöopathie in seinem Buch Organon der rationellen Heilkunde.

 

Ähnlichkeitsprinzip

Das Grundprinzip der Homöopathie lautet Similia similibus curentur = Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden. Demgemäß heilt eine Substanz, die bei Gesunden bestimmte Symptome hervorruft, in potenzierter Form exakt diese Beschwerden beim Erkrankten.

 

Ausgangsstoffe werden gemäß Hahnemanns Anleitung verdünnt und verschüttelt, um die Wirksamkeit bei möglichst geringer Nebenwirkung zu erzielen. Dieses Herstellungsverfahren für homöopathische Arzneimittel wird Potenzierung genannt.

 

Anwendung

Homöopathische Mittel werden aus natürlichen Substanzen wie Pflanzen, Mineralien und Tierprodukten hergestellt. Die Ermittlung des richtigen Mittels wird Repertorisation genannt.

 

Die homöopathische Anwendung erfolgt sehr individuell. Die Auswahl der Mittel richtet sich nach dem gesamten Symptombild und der Persönlichkeit des Patienten. Die Einsatzgebiete reichen von akuten Beschwerden bis zu chronischen Erkrankungen jeder Art.

 

Potenzierung

Das schrittweise Verdünnen einer Ausgangssubstanz mit Wasser, Alkohol oder Milchzucker sowie intensives Verschütteln oder Verreiben ist die Potenzierung. Durch diesen Prozess wird die Wirkkraft erhöht, also potenziert.

 

C-Potenz

D-Potenz

Für die C-Potenzierung werden
1 Teil Wirkstoff mit 99 Teilen Lösungsmittel verdünnt,
verschüttelt und der Vorgang pro Potenzierungsschritt wiederholt.

 

Für die C-Potenzierung werden
1 Teil Wirkstoff mit 9 Teilen Lösungsmittel verdünnt,
verschüttelt und der Vorgang pro Potenzierungsschritt wiederholt.

z. B. Arnica C30:
30-mal 1:100 verdünnt

z. B. Belladonna D6:
6-mal 1:10 verdünnt

 


[1] Anamnese ist griechisch und bedeutet Gedächtnis, Erinnerung.

Anamnesie = Erinnerung; Amnesie = Nicht-Erinnerung, umgangssprachlich Gedächtnisverlust.

[2] pathos, das Leid

[3] TCM = Traditionelle Chinesische Medizin; mit ihr werden 28 verschiedene Pulsqualitäten unterschieden