Vom Gehen und Stehen

 

Stehen

Stehen wirkt auf den ersten Blick wie der Zustand größter Ruhe – tatsächlich gehört es zu den aktivsten Zuständen, die der Körper kennt. Die Muskulatur gleicht ununterbrochen kleinste Schwankungen aus, das Gleichgewichtssystem im Innenohr meldet fortlaufend Korrekturen, und selbst im scheinbaren Stillstand findet ein ständiges, unauffälliges Nachjustieren statt.  

In einem existenziellen Sinn ist Stehen daher ein treffendes Bild für den inneren Standpunkt. Wer „steht“, hat sich nicht ein für alle Mal festgelegt und ist auch nicht erstarrt, sondern hält aktiv eine Position, die immer wieder neu ausbalanciert werden muss – gerade weil das Leben von außen Impulse setzt, die diese Position ins Wanken bringen. Ein Mensch, der zu etwas steht, ruht also nicht in einer bequemen Endgültigkeit, sondern bleibt in einer wachen, arbeitenden Balance. Stehen ist damit Haltung im doppelten Wortsinn: körperlich und charakterlich zugleich.

 

Gehen

Gehen unterbricht diese Balance bewusst, indem wir uns immer wieder kurz aus dem Gleichgewicht bringen, um genau dadurch voranzukommen. Jeder Schritt beginnt mit einem kontrollierten Fallen, das erst durch das rechtzeitige Auffangen des anderen Beins zur gerichteten Bewegung wird.  

Diese kleine biomechanische Tatsache erzählt auch etwas über Entwicklung im Leben. Sie entsteht selten aus purer Stabilität, sondern meist dann, wenn man bereit ist, die sichere Balance für einen Moment zu verlassen und sich einem Ungleichgewicht auszusetzen, aus dem heraus der nächste Schritt möglich wird. Wer nur steht, wirkt zwar stabil, bleibt aber am selben Ort – Gehen ist daher der Mut, immer wieder aus der Sicherheit herauszutreten, im Vertrauen darauf, unterwegs einen neuen tragfähigen Halt zu finden.

 

Das Zusammenspiel von beidem

Weder reines Stehen noch permanentes Gehen ergeben für sich allein ein stimmiges Leben. Wer nie steht, verliert auf Dauer die Fähigkeit, überhaupt einen Standpunkt zu beziehen. Wer nie geht, richtet sich in einer vermeintlichen Sicherheit ein, die mit der Zeit zur Erstarrung wird.  

Reife zeigt sich im Wechsel: im Gespür dafür, wann ein Innehalten nötig ist, um Orientierung, Kraft oder Klarheit zu gewinnen, und wann es Zeit ist, aufzubrechen – auch dann, wenn das nächste Gleichgewicht noch nicht sichtbar ist. So werden Gehen und Stehen nicht zu Gegensätzen, sondern zu zwei Ausdrucksformen derselben inneren Fähigkeit zur Balance: einmal im Verweilen bewahrt, einmal in der Bewegung erprobt.